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Ein Gastbeitrag: Lara Lügenbaronin


Der folgende Post ist ein Gastbeitrag von C., heute 30 Jahre alt, männlich.

"Tjaaaa, wo fange ich an. Mit großer Freude hatte ich die Dategeschichten einer gewissen Tinderbel verfolgt, der zufällig dieser Blog gehört. Auf meiner vor Lob überquellende Nachricht, wie sehr mir diese doch zusagten und in der ihr auch mitteilte, dass ich ebenfalls so einige Erfahrungen mit diesem wunderbaren neuem Medium Flirtapp gesammelt hatte, meinte sie: Schreib doch mal 'n Gastbeitrag, wenn du magst. 
Daran sitze ich nun, habe mich aber noch gar nicht entschlossen welche meiner Geschichten sich dafür am besten eignet und ob es überhaupt mehr als eine wird. Egal, ich fange einfach ganz vorne an.Vor fünf Jahren.
Nach dem sehr plötzlichen Ende einer zweijährigen Beziehung stand ich da in meiner neuen Wohnung, die wir uns gemeinsam ausgesucht hatten, die wir gemeinsam möbliert hatten und war gegen alle Erwartungen nun doch der einzige neue Bewohner. Nach den Tränen und dem Trübsal, die zum Ende einer Beziehung eben dazugehören, erhielt ich von meiner besten Freundin den Auftrag mir doch bitte einfach ein paar dieser Flirtapps zu installieren um mich abzulenken, frei nach dem Motto: Auch andere Mütter haben schöne Töchter. Gesagt, getan. So saß ich also auf meinem Sofa und verbrachte ziemlich viel Zeit mit dem Herumgewische auf meinem Smartphone. Einige Matches hatte ich bereits, doch erhielt ich auf meine anschließenden Nachrichten oftmals entweder gar keine Nachricht oder die Mitteilung, dass meine Kontaktaufnahme doch viel zu uninteressant gewesen sei und man doch ein wenig mehr erwarten dürfte. 

An dieser Stelle ein kleiner Einwurf: Komisch, dass man jemanden matcht, also irgendwas am Profil desjenigen einem ja zu gefallen schien, sei es nur die dort genannten Eigenschaften oder die sagenhafte Attraktivität, man dann aber nicht in der Lage ist ein ganz normales Gespräch zu führen. Ein „Hey, wie geht’s denn dir“ empfinde ich da persönlich tatsächlich einfacher als direkt irgendwelche tiefgründigen Fragen, aber dazu später mehr.
Die Damenwelt scheint da wohl etwas anders zu ticken, aber vielleicht können wir ja anhand dieses Blogs und einiger Gastbeiträge auch etwas für die Verständigung zwischen Mann und Frau tun. Meiner besten Freundin nach, war diese ganz normale Art der Kontaktaufnahme nämlich absolut in Ordnung. 

Wie auch immer, irgendwann war da Lara. Lara entsprach nicht nur optisch meinem „Beuteschema“ (Wir wollen ja die Klischees, die es über Männer so gibt, einfach mal bestätigen), nein Lara hatte eben nicht nur braune schulterlange Haare, grüne Augen, ein Septum, coole Tattoos und eine Figur, die in unserem Breitengraden als anzustrebend anerkannt ist, Lara war auch mit meiner Kontaktaufnahme zufrieden und so kamen wir ins Schreiben. Das war herrlich unkompliziert, sie war ebenfalls frisch getrennt und so schwafelten wir über Gott und die Welt, die Bösartigkeit unserer Ex-Partner, unsere Jobs, Serien, die wir gerne sahen und der Dinge mehr. Als das irgendwann nicht mehr reichte, telefonierten wir auch. Dazu sei gesagt, dass ich das eigentlich nicht gerne tue. Ein Anruf von 15 Sekunden ist in der Regel absolut ausreichend um alle Fragen und Probleme zu klären, die nicht mit dem mal wieder streikenden Internet oder dergleichen zu tun haben. Aber bei Lara erkannte ich an mir keine Anzeichen dieser sonst so ausgeprägten Abneigung gegenüber Telefonaten. Es war einfach einfach mit ihr zu reden.  Uns gingen nie die Themen aus, und ach die vielen Gemeinsamkeiten, die wir entdeckten, beginnend mit der Tatsache, dass wir beide eigentlich noch nicht bereit waren für etwas Neues bis hin zur Vorliebe für Malzbier (an dieser Stelle ein gewaltiges Buh an Frau Tinderbel, wie kannst du es nur nicht mögen)…

Nun ja so vergingen ein paar Wochen und schließlich war auch das Telefonieren nicht mehr genug und wir sprachen über ein Treffen, ein Date also, dass durchaus zu etwas würde führen können, dass wir beide eigentlich ja noch nicht wollten, nach einigen Überlegungen beschlossen wir es mit einem echten Klassiker zu versuchen: einem gemeinsamen Spaziergang mit anschließender Einkehr in irgendeinem Café oder einer Bar. Einen Termin dafür zu finden war schwierig, Lara druckste herum, sie hätte momentan einfach viel zu tun und nahezu keine Zeit. Dazu sei gesagt, dass die Entfernung zwischen uns etwa 200km betrug und daher auch eine gewisse Fahrzeit zu erwarten war.
Schließlich fanden wir dann doch einen Termin und selten war ich so nervös vor einem ersten Date. Irgendwie war da so ein Gefühl, dass es anders werden würde, als andere Dates.
Ich machte mich also auf den Weg, nachdem ich ungeheuer viel Zeit vorm Spiegel und meinem Kleiderschrank verbracht hatte und war viel zu früh am vereinbarten Treffpunkt, unterwegs erreichte mich noch eine Nachricht von Lara, deren Inhalt sich in etwa mit „Lauf bitte nicht wieder weg, du könntest überrascht sein“ zusammenfassen lässt. Das fand ich zwar komisch, dachte mir aber nicht wirklich viel dabei. Dann war Lara da, und ich war überrascht. Da waren nicht nur keine schulterlangen Haare, die nicht braun waren, da war irgendwie gar keine Ähnlichkeit zu der Lara, die ihre Bilder auf Tinder zeigten. Ich war verdammt überrascht, so überrascht, dass ich nur ein „Hi“ hervorbrachte und mich von Lara umarmen ließ. 

Irgendwie stiefelten wir dann los, ich ziemlich sprachlos, aber mit der festen Überzeugung, dass Lara dieses Mysterium wohl sehr bald aufklären würde. Nicht, dass ihr mich falsch versteht, sie war nicht unsagbar entstellt oder ästhetisch so wenig ansprechend, dass man darin eine Erklärung für ihren offensichtlichen Schwindel hätte vermuten können, aber ja, sie war nun mal nicht so attraktiv wie die Lara, die ich anhand der Bilder erwartet hatte. Diese Lara war straßenköterblond, hatte lockiges Haar, war etwas pummelig und sehr stark geschminkt.
Ich versuchte mich zusammenzureißen und tatsächlich stellte sich schnell die vertraute Einfachheit ein. Wir quatschten, wir spazierten, wir verbrachten einen wirklich schönen Nachmittag, auch wenn ich irgendwie die ganze Zeit dieses komische Gefühl mit mir herumschleppte. Lara tat übrigens nichts um ihre Täuschung zu erklären. Irgendwann, als es langsam dunkel wurde, beschlossen wir, den Kaffee zu verschieben, da der Spaziergang sehr viel länger ausgefallen war, als wir geplant hatten und ehrlich gesagt hatte ich auch irgendwie keine Lust mehr.
Wir umarmten uns zum Abschied und unsere Wege trennten sich. 

Ich schlief an diesem Tag mit meinem komischen Gefühl ein, war sehr verwirrt und verdammt durcheinander. Am nächsten Tag war eine Nachricht auf meinem Handy, von Lara. Irgendwas im Sinne von: „Hey, du musst ziemlich überrascht gewesen sein, danke dass du es nicht angesprochen hast, ich fand den Tag echt toll, wann sehen wir uns wieder?“ 

Ich war immer noch überrascht, ja, sogar noch überraschter, immer noch keine Erklärung? Ich antwortete, dass ich nach wie vor überrascht oder mittlerweile viel mehr verwirrt sei und fragte dann doch sehr offensiv, was für einen Grund es denn für diese ganze Sache geben würde und, dass ich mir irgendwie ziemlich verarscht vorkommen würde. Ich gab an, dass ich gerne eine Erlärung hätte, und dass für mich irgendwelche weiteren Treffen oder dergleichen erstmal nicht in Frage kommen würden. 

Was folgte war eine lange wütende Sprachnachricht darüber, dass wir Kerle doch immer gleich wären, dass wir nur nach dem Äußeren urteilen würden und sie, als sie noch Bilder von sich selbst im Profil gehabt hätte, nahezu keine Nachrichten bzw. Matches bekommen hätte. Dass sie „das Alles“ nur getan habe, weil sie beweisen wollte, wie wichtig es wäre, jedem eine Chance zu geben und dass Aussehen nun mal eben nicht das Wichtigste sei. Dass wir Männer das aber nie verstehen könnten, da wir alle oberflächlich seien und generell nur mit unseren Schwänzen denken würden. Sie hätte zwar gedacht, dass ich anders sei, aber nun hätte sie ja mal wieder den Beweis bekommen: Männer sind eben doch alle gleich. 

Danach war ich noch verwirrter, ich hatte ja schließlich nur nach einer Erklärung gefragt, was wie ich finde mein gutes Recht war. Wütend, verärgert, sauer, durcheinander - meine Gefühlslage von damals ist mir heute nicht mehr ganz klar. Jedenfalls schrieb ich ihr, dass es ja doch wohl normal wäre sich darüber zu wundern und ich ja schließlich nur gefragt hätte. Ich teilte ihr mit, dass ich zwar irgendwie den Grund für ihr Verhalten verstände, nichts desto trotz aber ziemlich enttäuscht war.
 Eine Antwort bekam ich allerdings nicht mehr von Lara, sie hatte meine Nachricht gar nicht gelesen, zumindest habe ich nie den zweiten blauen Haken gesehen. Bis heute habe ich nie wieder etwas von ihr gehört, weshalb ich davon ausgehe, dass sie mich wohl direkt nach dem Abschicken ihrer Schimpftirade blockiert haben muss. Ein paar Mal habe ich darüber nachgedacht Lara einfach noch mal anzurufen, in der Hoffnung die Sache klären zu können, aber irgendwie war ich mir nicht sicher, ob ich das denn wirklich wollte. Selbst eine freundschaftliche Beziehung kam für mich nach diesem Fiasko irgendwie nicht mehr in Frage. 

Und ich will hier ehrlich sein: Für etwas Anderes fehlte einfach das gewisse Etwas, ja, irgendwie auch wegen ihrem Äußeren. Wobei ich das eigentlich gar nicht sagen kann. Ich weiß nicht, ob ich Lara gematcht hätte, wenn sie echt Bilder von sich im Profil gehabt hätte. Wahrscheinlich nicht, was ihrem Verhalten irgendwie Recht gibt - aber auch nur irgendwie. Wir suchen uns ja nicht aus, dass wir jemanden attraktiv finden. Es ist aber nun mal so, dass das Aussehen oft das Erste ist, was wir an anderen Menschen wahrnehmen und oft fällen wir auch dann schon die Entscheidung ob wir diesen Menschen überhaupt kennenlernen wollen. Das ist vielleicht nicht immer toll, aber es ist wohl einfach menschlich. 

Ich weiß nicht, was aus Lara geworden ist, ich weiß nicht, ob sie noch immer fremde Bilder benutzt. Ich weiß, dass uns wohl oft viele tolle Menschen entgehen, weil wir zu oberflächlich sind, aber ich weiß auch, dass Schwindeln, Lügen oder Betrügerei auf jeden Fall nicht der richtige Ansatz sind um diesem doch sehr menschlichen Problem im Dating zu begegnen."

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