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Andi, der Kühlschranknazi

Es war kurz nach den Europawahlen und kurz vor meinem großen Umzug. Nachdem ich im Sommer 2018 wieder in mein Heimatdorf und übergangsweise ins Haus meiner Eltern zurückgekehrt war, hieß es jetzt: Möbel besorgen und Umzug planen. Zeit wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Was ich unbedingt wollte (brauchte!), war ein großer Kühlschrank im Vintage-Look. Da große Kühlschränke aber zumeist recht groß sind, war mir schnell klar: Das wird nichts in meinem kleinen, roten Flitzer von einem Auto.

Keiner meiner Groß-Auto-besitzenden Freunde hatte Zeit, Mama und Papa auch nicht und so wandte ich einen altbewährten Geheimtipp an: Ich spielte die holde Jungfrau in Not.

Ich war sowieso schon im Gespräch mit Andi, dem einfach gestrickten Ex-Soldaten aus Herzebrock, fand ihn aber eher langweilig und uninspiriert. Da ich aber dafür bekannt bin ein Vollblut-Chancengeber zu sein, hielt ich durch und hoffte auf den Froschkönig Effekt.
Etwas in mir sagte mir, dass Andi genau der Richtige war für die Jungfrauennummer und so startete ich den ersten Akt.
Ganz beiläufig erwähnte ich, dass ich den schönsten Kühlschrank der Welt entdeckt hatte und dass ich ihn mir leider durch die Finger gehen lassen musste, weil ich niemanden hatte, der ihn mit mir abholt. Andi sprang direkt darauf an und fragte mich, wo der Kühlschrank denn stand. Der Fisch hatte angebissen und so startete ich den zweiten Akt: Ich gab ihm die Details und köderte indem ich nochmal betonte, wie wichtig mir dieser Kühlschrank sei. Gab dann die Hoffnungslose und sagte resigniert: "Aber den muss ich mir wohl aus dem Kopf schlagen..."
Jetzt würde sich zeigen, ob ich den dritten Akt einleiten konnte - und siehe da! Der zuverlässige Andi bat mir an, den Kühlschrank mit mir abholen zu können. Ich startete Akt 3 und sagte, dass ich dieses Angebot unmöglich annehmen könne. Doch Andi blieb standhaft und bot mir weiterhin seine Dienste an.
Selbst als ich sagte, dass ich danach nur Zeit für einen schnellen Kaffee hätte, wegen anderer Termine, wurde Andi nicht scheu. Er war mein holder Ritter in der Not und würde mir an den schönsten Kühlschrank der Welt helfen. Basta.
Diese Heldentat katapultierte Andi auf der Beliebtheitsskala meiner Tindermatches ganz weit nach vorne. Hilfsbereite Männer sind nunmal unschlagbar.

Ärgerlich war nur, dass vorm 4. Akt - dem eigentlichen Abholen des Kühlschranks ein Drache, in Form eines sehr unhöflichen Ebay-Verkäufers in unseren Weg sprang. Dieser Lump hatte den Kühlschrank trotz unserer Absprache einfach dreist an jemand anders verkauft und faselte noch: "Wiiiiieeeee? Hatten wir eine feste Absprache?"
Alles Klagen war vergebens. Der Kühlschrank war von dannen und Andi und ich hatten keinen Grund mehr, einen Kaffee trinken zu gehen.

Aufgrund seines Angebots fand ich aber, dass ich ihm ein Treffen schuldig war und so sprachen wir ab, dass ich ihn einfach so auf einen Kaffee besuchen würde. Ich also in den kleinen, roten Flitzer und ab nach Herzebrock - wo ich zu meiner Schande noch nie gewesen war. Andi öffnete und sah seinem Profilbild erstaunlich ähnlich: Blonde kurze Haare, blaue Augen, gute Statur - allerdings verhielt er sich ziemlich unsicher, wodurch ich mich bereits nach 10 Sekunden extrem unwohl fühlte. Er zeigte mir unbeholfen seine äußerst kahle und kühle Wohnung und wir setzten uns auf seine riesige graue Couch. Ich weiß nicht mehr genau, wie das Gespräch lief, außer dass mir recht schnell klar wurde, dass wir sehr unterschiedlichen Hintergründe hatten. Vor allem auf dem Gebiet der Bildung. Andi war... nun ja.. eher der simple Typ. Trotzdem schafften wir es irgendwie nach circa 10 Minuten beim Thema Europawahl gelandet zu sein.

Er schaute mich etwas schief an und sagte dann mit einem verächtlichen Ton: "Du hast doch bestimmt die Grünen gewählt, oder?"
Ich muss sagen, dass mich diese Frage einigermaßen durcheinander brachte. Der verächtliche aber auch leicht belustigte Ton in Kombination mit der totalen Schamlosigkeit dieser Frage an jemand völlig Unbekanntes - darauf war ich nicht vorbereitet. Ich antwortete wahrheitsgetreu und ebenfalls belustigt: "Nein, noch nicht mal. Wieso, wen hast du denn gewählt? Die AFD?", scherzte ich leicht glucksend.
Doch sein Gesichtsausdruck ließ das Schlimmste vermuten. Autsch. Ich hatte voll ins Schwarze getroffen.
Er versuchte sich noch herauszureden: "Nein, hä? Wieso? Wer sagt das?"
Aber ich brach schon in Lachen aus: "Oh und ob, du hast die AFD gewählt. Gib's wenigstens zu.", brach es aus mir hervor. Ich wusste wirklich nicht, ich lachen oder weinen sollte. Saß ich gerade wirklich bei einem AFD Wöhler im Wohnzimmer?
"Wenigstens nicht NPD.", rechtfertigte Andi sich schulterzuckend.
Na immerhin schien er sich ja für sein eigenes Wahlverhalten zu schämen. Ich dachte scharf nach: Ich konnte jetzt gehen und diesem politischen Pöbel den Rücken zukehren. Ich konnte aber auch bleiben und die Chance nutzen, herauszufinden, warum jemand die AFD wählt, obwohl er sich augenscheinlich dafür schämte.

Ich entschied mich für Letzteres. Wir explorierten das Thema weiter, ohne dabei ausfallend zu werden. Wenn die Unterschiede zwischen unseren jeweiligen Meinungen zu groß und absurd wurden, brachen wir in Lachen aus. Mein persönlicher Höhepunkt war, als Andi zugab, dass er es einfach so toll fände, wie die AFD gegen Dinge vorgeht, gegen die sich sonst kein anderer "traue" vorzugehen. Wie Gema Gebühren.
Ai. Andi war voll in die Populismusfalle getappt. Aber ich versuchte ihn nicht zu retten. Ich hatte inzwischen erkannt, dass unsere Unterschiede zu groß waren. Er hätte vor seinen Kumpels keine Chance, wenn er die Grünen wählen würde. Oder die Frauenpartei. Oder meinetwegen auch die SPD.

Als Andi aufs Klo ging, schrieb ich einem besonders linken Kumpel eine Nachricht bei WhatsApp: "Ob du's glaubst, oder nicht: Ich sitze gerade auf der Couch eines AFD Wählers!"
Er antwortete direkt: "Renn! Renn raus, aber bring ihn vorher zum Weinen!!!!"
Ich grinste und blieb. Wir bestellten noch was zu Essen und waren den Rest des Abends regelmäßig überrascht und amüsiert darüber, wie unterschiedlich wir waren.

Gegangen bin ich erst, als Andi vor seinem riesigen Fenster stand und die Schäfchen samt Lämmchen auf der Weide vor seinem Haus betrachtete und dazu fast träumerisch sagte: "Manchmal würde ich die am liebsten mit einem Hammer kaputt schlagen, damit sie ruhig sind..."

Ai. Ich täuschte Müdigkeit vor und machte mich auf den Weg nach Hause.

Erst später erfuhr ich, dass ich nicht die Einzige war, die an diesem Abend einen Hilferuf auf WhatsApp gestartet hatte. Auch Andi hatte einem Kumpel eine Nachricht geschrieben. Der Inhalt?


"Ob du's glaubst oder nicht, aber ich sitz hier mit 'na Linken aufm Sofa!"

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